Ohne Langeweile gibt es arguably keine Moderne: Das aktuelle Wortverständnis entstand zeitgleich mit der Industrialisierung, der Massenpolitik und dem Konsum. Ab Manet, als Kunst das Alltägliche im modernen Leben darstellt, sind Begegnungen mit Langeweile unvermeidlich. Und von der Rückkehr des Modernismus in die Abstraktion bis zu den darauf folgenden Anforderungen an das Publikum, von den späten 1960er Jahren bis heute, ist die Ausdauer des Betrachters bei Wiederholung, Langsamkeit oder anderen Formen von Monotonie zu einem erwarteten Merkmal des Galeriebesuchs geworden. In der zeitgenössischen Kunst wird Langeweile nicht länger als singuläre Erfahrung betrachtet; vielmehr ist sie abhängig von diversen sozialen Identifikationen und kulturellen Positionen und reicht von einem malignen Zustand, gegen den man ankämpfen muss, bis hin zu einer Erfahrung, die angenommen oder als ein Ort des Widerstands erkundet werden kann. In dieser Anthologie wird die Vielfalt der mit unserem neoliberalen Moment verbundenen Langeweile in einem langen Blickwinkel kontextualisiert, der die politische Kritik an Langeweile im Frankreich der 1960er Jahre umfasst; die gleichzeitige ästhetische Umarmung in den USA von Stille, Wiederholung oder Gleichgültigkeit in Fluxus, Pop, Minimalismus und Konzeptkunst; die Entwicklung feministischer Diagnosen von Unbehagen in Kunst, Performance und Film; die soziale Kritik des Punk und ihren Einfluss auf Theorien der Postmoderne; und die Anerkennung seit Ende der 1980er Jahre einer spezifischen Form von Langeweile, die in ehemaligen kommunistischen Staaten erlebt wird. Heute, mit dem Aufkommen neuer Formen von Arbeitsentfremdung und persönlicher EIntrusion, erstrecken sich lähmende Kräfte noch weiter in die subjektive Erfahrung und machen die Abgrenzung zwischen einem kritischen und einem ästhetischen Gebrauch von Langeweile immer fragiler. Die befragten Künstler sind unter anderem Chantal Akerman, Francis Alys, John Baldessari, Vanessa Beecroft, Bernadette Corporation, John Cage, Critical Art Ensemble, Merce Cunningham, Marcel Duchamp, Fischli & Weiss, Claire Fontaine, Dick Higgins, Jasper Johns, Donald Judd, Ilya Kabakov, Boris Mikhailov, Robert Morris, John Pilson, Sigmar Polke, Yvonne Rainer, Robert Rauschenberg, Ad Reinhardt, Gerhard Richter, Situationist International, Mierle Laderman Ukeles, Andy Warhol, Faith Wilding, Janet Zweig. Zu den Autoren gehören Ina Blom, Nicolas Bourriaud, Jennifer Doyle, Alla Efimova, Jonathan Flatley, Julian Jason Haladyn, The Invisible Committee, Jonathan D. Katz, Chris Kraus, Tan Lin, Sven Lutticken, John Miller, Agne Narusyte, Sianne Ngai, Peter Osborne, Patrice Petro, Christine Ross, Moira Roth, David Foster Wallace, Aleksandr Zinovyev.